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17.txt | ruhig

Vor­wort: Dies ist der sieb­zehn­te und letz­te Teil eines grö­ße­ren Pro­jekts. Ich habe im Rah­men von *.txt an die­sem Werk immer wei­ter geschrie­ben. Eine Idee hat­te ich im Kopf, aber wohin *.txt mich führ­te, wuss­te ich nicht. Jetzt aber ist mir alles klar.

Ver­trau­te Häu­ser, ver­trau­te Stra­ßen; hier ken­ne ich mich aus. Es riecht bekannt, nach Frit­ten­fett. Autos ste­hen in der zwei­ten Rei­he abge­stellt, wäh­rend im Imbiss ihre Fah­rer dar­auf war­ten, dass ihre vor­be­stell­ten Gerich­te über den Tre­sen gereicht wer­den; gedul­de­ter Ego­is­mus im Man­tel der Wirt­schafts­för­de­rung. Die Luft, sie ist ver­braucht, ver­staubt, plötz­lich so grau wie es vor­her nie auf­ge­fal­len war.
Nicht mehr weit muss ich gehen, nicht mehr weit ist es, bis ich wie­der auf mein altes Leben sto­ße, bis die­se Flucht ihr Ende fin­det, egal was auch danach dann folgt. Ein biss­chen Regen täte der Stadt gut, ein Nie­seln wür­de mir schon rei­chen, um sie von all der drü­cken­den Enge und dem Mief des All­üb­li­chen rein­zu­wa­schen, selbst wenn es nur für eine hal­be Stun­de wäre. Nur ein­mal möch­te ich hier den Frie­den der Win­ger­te erle­ben, den­ke ich, und weiß doch, dass es so nicht geht.
In der Hosen­ta­sche, in der ich kra­me, klim­pert dein Schlüs­sel­bund, mein Öff­ner für Pan­d­o­ras Büch­se, dem ich erst sei­nen Sinn ergab. Ich spü­re sei­nen Lini­en nach, du lachst mich an wie du es erst an dei­nem Geburts­tag tatest, eh dein Blick erstirbt, ich schütt­le mei­nen Kopf und die­ses Bild erlischt.
Was die Ampel grün? Ich weiß es nicht und lau­fe wei­ter, unbe­irrt vom wüten­den Gehu­pe, fast wäre ich vorm Ziel ver­reckt; ein kos­mi­scher Fall von Durch­fall vor der Klo­schüs­sel wäre das gewe­sen, doch dies­mal über­le­be ich. Mein Herz schlägt schnel­ler, mein Blut rauscht wum­mernd durch die Ohren, mei­ne Füße wer­den leicht, ich spü­re mei­ne Hän­de kaum … wie Kof­fein­rausch ist es, wie vor unserm ers­ten ech­ten Date. Ich fürch­te mich vor dem, was kommt, doch kenn’ ich dich so gut, so lang. Eigent­lich ist das, was nun noch kommt, nur Form­sa­che, denn eigent­lich ist es doch offen­sicht­lich, was geschah. Weil man es so macht, machen wir es auch, weil man es so macht, keh­re ich an die­sen Ort zurück. Nur rich­tig Abschied neh­men will ich noch, nach­ho­len, was mir ges­tern noch nicht mög­lich war.
Die Tür geht auf durch mei­ne Hand, ganz auto­ma­tisch schau’ ich nach der Post, doch nicht für dich ist die­ser Brief. Die Kli­nik schreibt, sie wür­de mich gern haben; mein Traum­job, ich habe ihn erreicht. Fast unbe­merkt steh’ ich vor uns’rer Tür, doch als der Brief­um­schlag zu Boden flappt, erken­ne ich, vor wel­cher Schwel­le ich nun ste­he. Der Schlüs­sel fällt mir aus der Hand.
Das Schrei­ben folgt ihm unauf­fäl­lig nach.
Und nur wie aus einer fer­nen Gala­xie klingt das metal­le­ne Klir­ren und papier­ne Plat­schen an mein Ohr.

„Guten Mor­gen, Herr Schus­ter.“, knurrt die Haus­meis­te­rin, ich erken­ne sie an ihrem breit geroll­ten R, und grü­ße zurück ohne mich umzu­dre­hen. Sie wird wohl zum Kiosk gehen, Bröt­chen kau­fen und ’ne Zei­tung, wie jeden Mor­gen, auch am Wochen­en­de. Kaum fällt die Haus­tür zu, ver­lässt mich mei­ne Star­re und ich hebe den Schlüs­sel wie­der auf. Das Schloss tref­fe ich auf Anhieb, sodass ich kalt kla­ckend den Schlüs­sel dre­hen kann.

Es ist nicht abge­schlos­sen.
Ich über­win­de den letz­ten Wider­stand und sto­ße die Tür auf, die sich aus­nahms­wei­se nicht dem dra­ma­ti­schen Knar­ren hin­gibt, mit wel­chem sie uns sonst begrüß­te.
Da stehst du, im Flur, nackt wie ich dich lie­be. Noch immer hast du dei­ne Sper­ma­res­te im Haar und dein Hals schil­lert dun­kel­rot­fast­blau, ich sehe mei­ne Dau­men dich ersti­cken.

Was stehst du da? Wie­so?

Wie, was, du bist doch tot! Du kannst doch gar nicht ste­hen! Du bist tot, tot, tot, doch tot, und ich ver­rückt! Du starrst mich an, was schaust du mich so an, und blickst durch mich hin­durch.
Tür­rah­men, wo ist der ver­fick­te Tür­rah­men, an den ich mich jetzt stüt­zen kann? Du starrst nur wei­ter, Gespenst mei­ner Schuld, eh ich ihn zu fas­sen krie­ge. Wat­te, alles fühlt sich an wie Wat­te, Wat­te in den Ohren, auch der Druck ist da, für einen ewi­gen Moment, für einen ewi­gen Moment ist alles still.

Dann blin­zelst du und sprichst.

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16.txt | Distanz

Vorwort: Dies ist der sech­zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ich bin so weit weg vor mir geflo­hen und doch bist du, ganz nah, so nah wie nie. Keinen Schritt mehr kann ich tun ohne dich, nur das Göbeln hat sich zum Glück erle­digt. Nie hast du geklam­mert, doch jetzt lässt du nicht mehr los, weil ich dich nicht mehr gehen las­sen kann. Ich habe dich an den Rest mei­nes küm­mer­li­chen Verstandes geket­tet und wenn du jetzt gehst, bin ich für immer ver­dammt, also las­se ich nicht von dir ab. Wozu also soll ich noch flie­hen und wohin?

Ach. Was ich alles in mei­ner Hose habe. Du mein­test ja, was einer Frau ihre Handtasche sei mir mei­ne Hose. So ein Blödsinn! So viel Zeug passt nie und nim­mer in eine Handtasche, gleich­wohl mir der Maulschlüssel gera­de herz­lich wenig nützt. Das klei­ne grü­ne Scheinchen hin­ge­gen … ja, mei­ne Flucht hat wirk­lich ein Ende. Ja, ich keh­re um. Ich fah­re zurück zu dir, zu dem Ort, an dem mehr von dir ist als nur der Geist mei­ner Sehnsucht, an dem ich, an dem mein Leben hängt.
Der ers­te Zug, der kommt, ist mir. Zum Glück fährt er auch dort­hin, wohin ich will. Das Wechselgeld reicht für einen Kaffee – bezie­hungs­wei­se das, was man hier für Kaffee hält. Ich läch­le in mich hin­ein. Egal was kommt: jetzt wird alles gut.

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15.txt | Tanz

Vorwort: Dies ist der fünf­zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Vor. Zurück. Vor. Zurück. Vor, zurück. Vor, zurück, vor, zurück. Vor. Zurück. Ich kann nicht mehr gera­de­aus den­ken und schon gar nicht um die Kurve. Sehe ich dich vor mei­nem Auge, wird mir schlecht, wür­ge ich die Reste mei­ner Galle hoch, läuft mir dann der Restsabber aus dem Mundwinkel, ver­krampft sich mein Magen seh­nend nach dir; es ist ein gleich­mä­ßi­ger Rhythmus, ein Teufelkreis, an des­sen Ende eine Stretta in den Abgrund steht.
Vor, zurück. Links her­um im Kreis. Ein Walzer ist es nicht, und Spaß macht es auch kei­nen, aber wenn jemand schaut und fragt, ver­su­che ich mein Sambalächeln und keu­che was von Magenverstimmung.
Ein Tanz ist es, ein wil­der Tanz; ich will ihn nicht, doch die Schuhe mei­ner Taten sind ver­hext.

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14.txt | Gewissen

Vorwort: Dies ist der vier­zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ich glau­be, ich habe dich getö­tet. Erwürgt. Ich habe es geplant und ver­wor­fen und neu geplant. Wollte doch, ersti­cken, erträn­ken, vor einen Zug schmei­ßen, erwischt wer­den und uner­kannt blei­ben.
Ich habe es geplant, dein Vertrauen miss­braucht. Ich habe dich gefickt, nein, „gepfählt“ war das Wort, das du immer gebrauch­test, wenn ich dich mal ficken durf­te, und doch nur dar­an gedacht, dir dei­nen Kehlkopf zu zer­drü­cken, bis du nicht mehr röchel­test.
Ich bin ein Monster, denn für Monster hal­te ich jene, die so sind wie ich.

Dein Bruder hat dich ver­göt­tert, denn du zeig­test ihm, was Selbstbewusstsein heißt. Erst jetzt kann ich das sehen. Du wirst ihm feh­len, so wie du mir auch fehlst, nur anders. Für ihn warst du cool, denn du warst schwul und den­noch bei allen beliebt. Du hast den ande­ren gezeigt, wo es lang ging ohne ihnen ihre Meinung oder ihren Willen zu neh­men. Du hast die ande­ren respek­tiert und unter­stützt. Wo ich ihre klei­nen Geheimnisse kann­te und brauch­te, um mei­nen Einfluss nicht zu ver­lie­ren, warst du ein­fach nur gut und damit noch erfolg­reich, erfolg­rei­cher als ich, denn unter­schwel­lig hat­ten die meis­ten wohl ein­fach nur Angst vor mir. Du wirst uns allen feh­len, mir aber aber nicht, denn ohne dich wer­de ich nicht mehr der Bad Guy sein, schon weil ich mich man­gels dei­ner Gegenwart nicht mehr in dei­ner Gegenwart so füh­len wer­de.

Doch, du wirst mir feh­len, sehr sogar. Jetzt muss ich alles wie­der allein schaf­fen. Scheitern konn­te ich nur zu gut, doch erst mit dir fand das ein Ende.

Scheiße, du fehlst mir, Herz! Nichts brennt mehr in mir.

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13.txt | verstehen

Vorwort: Dies ist der drei­zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

In mei­nem Leben vor dir war alles anders, alles ein­fach. Ich wuss­te, wer die Guten sind und wer die Böse, auf wel­cher Seite ich zu ste­hen hat­te und auf wel­cher Seite ich stand. Ich hat­te einen Standpunkt und einen Horizont, eine Haltung und eine Meinung. Ich war mir ihr gewiss und sie mir sicher. Ich wuss­te, wer ich war.
Doch all das ließ ich mit mei­nem Leben vor dir, mei­nem fünf­ten, zurück. Ich war ein Schwerenöter gewe­sen, ich spiel­te ihn nicht nur, wie ich es seit­her tat. Sex oder Liebe, ich konn­te einen kla­ren Cut machen und so man­ches jun­ge Dinge ließ ich über die­se Klinge sprin­gen. Nur weni­ge schlitz­ten mir damit die Kehle auf, aber kei­ne von ihnen soll­te ich über­le­ben – und kei­ne mich.
Auf die Idee, mei­ne Seelenmauer mit einem Rasiermesser zu atta­ckie­ren, kamen nur die wenigs­ten, aber sie alle waren fast erfolg­reich. Risse füg­ten sie ihr zu, eine tie­fer als die ande­re und nach jeder die­ser Vorgängerinnen ver­narb­te ich mei­ne Mauer noch fes­ter, aber kaum da ich dei­ne Klinge blit­zen sah, wur­de sie mir unwi­der­steh­li­cher Magnet und ich stürm­te auf dich zu.
Noch ehe mein Kopf wuss­te wie ihm geschah, hat­te mein Körper sei­nen Nordpol gefun­den und ich hass­te dich für die­se Kursänderung zum ande­ren Ufer.

Ich fand es geil nach dem Sport mit dir zu duschen und schäm­te mich für mei­nes Körpers Reaktion. Warum du? Die ande­ren Jungs waren mir doch auch egal, und wenn es einer neben mir zum Model geschafft hät­te, dann einer von ihnen, aber doch nicht du! Mit nicht ein­mal 24 hat­test du fast schon kei­ne Haare mehr auf dem Kopf – ein Schicksal, das sich schon in der Oberstufe nur all­zu deut­lich ange­deu­tet hat­te –, was dein Körper aber an fast allen ande­ren Stelen zu kom­pen­sie­ren ver­stand. Für einen Dreitagebart brauch­test du kei­ne vier­und­zwan­zig Stunden. Deine Arme schim­mer­ten rost­rot bis auf den Handrücken, und wo dein Bart im v‑förmigen Ausschnitt dei­ner T‑Shirts – immer trugst du T‑Shirts – ver­schwand, begann die schöns­te aus Haaren ent­stan­de­ne Haarspur, der ich je zu ihrem Ende gefolgt bin. Ja, du warst schlank, aber sport­lich oder mus­ku­lös hät­te dich nie­mand mehr genannt, wenn er dich ein­mal auch nur oben ohne gese­hen hät­te. Ja, du hat­test Ausdauer, nicht zu knapp (o, wie mein Körper noch jetzt auf die­sen Gedanken reagiert), und eine gehö­ri­ge Kraft war dir auch nicht fremd, aber man sah es dir nicht an. Ein Otter im Fuchspelz warst du, mein Otter mit den hasel­nuss­brau­nen Augen, und ich habe dich gehasst für dei­ne Wirkung auf mich, mein gan­zes sechs­tes Leben lang.
Erst jetzt begrei­fe ich mein Vermissen, mei­nen fast schon kör­per­li­chen Schmerz ob des Verlustes dei­ner Person. Noch nie habe ich es gedacht oder gesagt, aber ich glau­be, ich bin schwul, zumin­dest in die­sem Leben. Vielleicht ist es nur eine Phase.
Mein ange­le­se­nes Schulwissen sagt, es ist okay, es ist nicht schlimm, aber den­noch habe ich Angst. Ja, du hät­test mich ver­stan­den, du schon, doch wer noch? Ich kapier’ es nicht. Wie konn­te ich mich so sehr ändern? Was ist der Grund? Gibt es für mich noch einen Weg zurück? Ich den­ke nicht.

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12.txt | Rausch

Vorwort: Dies ist der zwölf­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ich füh­le mich wie ein kal­ter Truthahn. Gerupft bin ich, gestopft mit feins­ten Gewürzen und dem Apfel vom Baum der Erkenntnis. Ich brau­che kei­nen Spiegel, um mich selbst zu sehen wie ich bin: nackt.
Nichts ist mehr übrig von dem, für den ich mich hielt, als ich noch alles unter Kontrolle hat­te, als ich dir noch aus der Hand fraß. Nein, falsch. Als du mir aus der Hand … fuck. Schon da hat­te ich nichts mehr im Griff. Offenbar. Weißt du noch, wie wir … wie du … wie ich …? Weißt du noch? Gestern erst … ich habe mich echt gefreut dich wie­der­zu­se­hen, wirk­lich. Es war nicht so sehr gespielt wie ich es geplant hat­te, not at all. Und jetzt?
Von einem Moment auf den ande­ren springt mei­ne bon­bon­far­be­ne Wahrnehmung um auf mono­chrom, läuft der Film von vor­ne ab, springt vor und zurück, sucht hek­tisch die Momente, da mei­ne dir gezeig­te Zuneigung nur Show war und fin­det sie nicht. Und fin­det sie nicht. Nur ech­te, wah­re Verfallenheit ist da, wo ich Illusion gese­hen haben woll­te, und jetzt ste­he ich da in mei­nem, ach, so kur­zen Hemd und nichts ist mehr da von dir, nur die Erinnerung an bes­se­re Zeiten. Ich zit­te­re, mir ist nicht kalt; es schneit und ich sit­ze hier im T‑Shirt. Warum?
Ich ver­ste­he nichts, auch das nicht. Gerade erst war Sommer, mein Eis hal­te ich noch in der Hand und noch immer schme­cke ich den Pfirsich. Ich füh­le mich wie ein kal­ter Truthahn. Ich weiß genau: Kommt erst die Wärme zurück, ist es um mich gesche­hen – und so lau­fe ich, nur fort aus Teufels Küche.
Das geht gut, so ohne Gepäck.

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11.txt | Schwermut

Vorwort: Dies ist der elf­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ja, da war ich wirk­lich, da war ich ich. … Aber … wenn ich damals ich war, wer bin ich jetzt? Sollte ich nicht wie­der ich sein zu Beginn die­ses neu­en Kapitels mei­nes Lebens? Warum bin ich es nicht?
Mein Neuanfang ist gar kei­ner, son­dern nur ein bis auf wei­te­res auf­ge­scho­be­nes Ende mit Schrecken im Anschluss an Schrecken ohne Ende, denn hin­ter allem stehst du, über allem liegt dein Schatten, in des­sen Erinnerungen ich mich suh­le. Kaum zu glau­ben, zumin­dest nicht für mich, aber du fehlst mir. Dein Lachen fehlt mir, dei­ne Kitzeligkeit, dei­ne Gabe, mich mit schlech­ten Wortspielen zu erhei­tern, dein Blick, ja, dein Blick … o, schau mich nicht so an wie ein waid­wund geschos­se­nes Bambi, du weißt doch, dass ich dir doch nichts aus­schla­gen kann. Sag noch ein­mal „Bück dich.“ mit die­ser so ver­rauch­ten Stimmen, so wird mei­ne Seele gesund, fick mich noch ein­mal tief und ich wer­de alles beich­ten, alles, wirk­lich alles, jedes ein­zel­ne Wort, mit dem ich den Pflock in dein unschul­di­ges Herz ramm­te. Gib mir nur noch ein­mal, wonach ich mich so sehr ver­zehr­te, wonach ich mich so lan­ge sehn­te. Mach mich frei! …
Sei mein Heiland und steh wie­der auf, schlag die Bettdecke zurück, unter der du gera­de aus­kühlst, und erlö­se mich aus die­sem Idyll, das ich nicht aus­hal­te, aus die­sem Kartenhauslabyrinth, das nicht ein­stür­zen will wie ich es geplan­te habe, son­dern Fundamente schlägt in soli­dem Grund.

Es ist ein Zug, der dich ver­treibt, ein brem­sen­der Güterzug, der jeden kla­ren Gedanke über­schrillt. Nun bist du fort, erneut, viel­leicht für immer … doch eigent­lich bin es doch ich. Ich habe dich ver­lo­ren, ich fin­de mich nicht mehr. Hilf mir! Hilf!

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10.txt | Glück

Vorwort: Dies ist der zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Limettengrün matscht es vor mir, wäh­rend grün­blau­grau glit­zernd der Rhein dazu sein wuch­ti­ges Fundament spen­det. Den Zug habe ich ver­las­sen, mei­nen Rucksack auch. Ein Eishörnchen in der rech­ten Hand hal­tend sit­ze ich im Schneidersitz auf einer Bank, wo mein ver­irr­tes Haupt mei­nen Schoß beschat­tet. Eigentlich ist doch alles gar nicht so schlecht. Oder?

Wenn mich einer frag­te, wonach der Sommer schmeckt, ich wür­de ihm „Nach Pfirsicheis.“ erwi­dern, aber mich fragt ja nie­mand. Jetzt wür­de ich ihm ohne­hin etwas ande­res ent­geg­nen, denn mei­ne ein­zi­ge Antwort bist der­zeit du. Woher ich kom­me? Von dir. Wer ich bin? Der Deine. Was ich hier mache? Dich statt der limet­ten­grü­nen Matsche sehen und debil grin­sen. Weißt du noch, wie du mir ins Pfirsicheis gestol­pert bist und ich dich des­we­gen küs­sen muss­te? Wir hat­ten bei­de gedacht, es hät­te nie­mand gese­hen, und waren in schal­len­des Gelächter aus­ge­bro­chen. Völlig albern, völ­lig los­ge­löst aus einer Welt, in der alles mög­lich war, wenn wir nur woll­ten, und wir woll­ten es. Dass ich dich mit schnö­dem Klappensex ent­jung­fern wür­de … tja. Es pass­te mir sehr. Dass du in den nächs­ten Tage Mühe beim Sitzen haben wür­dest. auch; gleich­wohl ich es dir gegen­über natür­lich bedau­er­te, aber da warst du auch der ein­zi­ge für. Wie du dich danach ver­such­test schmerz­frei auf dem Sattel nie­der­zu­las­sen, weil wir ja noch zurück­fah­ren muss­ten … in mir lächelt es noch jetzt. Da war ich wirk­lich …

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9.txt | nackt

Vorwort: Dies ist der neun­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Die grü­nen Hänge und wild blü­hen­den auf­ge­ge­be­nen Weinberge sind mir gera­de welt­kul­tur­scheiß­egal. So sehr ich sonst die­ses Burgenblickparadies lie­be, so plötz­lich schlägt es mir jetzt aufs Gemüt.
Was habe ich denn jetzt noch? Was bleibt mir im Exil außer einem ver­gan­ge­nen Leben, aus dem ich nicht erzäh­len kann? Wer bin ich denn noch, wenn ich alles abstrei­fe, was ich nicht mit­neh­men kann in das Jetzt und Bald? Ich bin ein unbe­schrie­be­nes Blatt, fan­ge neu von vor­ne an, wie schon beim letz­ten Mal.
Ich bin nackt für alles, was da kommt. Meine Haut ist mei­ne Rüstung, mein Sixpack mein Schild, mein Lächeln mei­ne Eintrittskarte in alle geschlos­se­nen Gesellschaften. Warum soll­te es die­ses Mal nicht funk­tio­nie­ren, bis ich mich in ein neu­es Leben klei­den kann?

Kommentarlos setzt sich jemand auf den Platz neben mir; ich kann gera­de noch mei­nen Rucksack in Sicherheit brin­gen. „’s is hier kein Gepäckwagen.“, raunzt er mich an. So viel zu mei­nem Plan. Ich brau­che einen neu­en. Bis ich den gefun­den habe, wer­de ich ein­fach hier sit­zen blei­ben und aus dem Fenster star­ren.

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8.txt | Acht

Vorwort: Dies ist der ach­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Es gibt nur noch eine Richtung, in die ich mich wen­den kann; plötz­lich, urplötz­lich wird es mir klar. Ich kann nicht mehr zurück, nie mehr. Selbst wenn ich es woll­te: Lautlos wur­de die­ser Bann aus­ge­spro­chen, der mich unver­mit­telt zum Exilanten macht, denn das, was mei­ne Heimat war, ist nun nicht mehr. Bald schon wird man eins und eins zusam­men­zäh­len und die ver­brann­te Erde sehen, die ich hin­ter­ließ, und so bleibt nur die Flucht nach vorn, ins Mittelrheintal und viel­leicht noch wei­ter, wo kei­ne Burg dar­auf war­tet mich zum Junker Jörg zu machen, der doch nichts zu ver­kün­den hät­te. Wer will schon mei­ne Geschichte hören, da jeder poli­zei­li­che Bericht mehr von Würde ver­stän­de als ich?
Fortan bin ich ein Nicht, auf ewig ver­dammt zur Verborgen- und Verschwiegenheit.

Du hast es nicht bes­ser ver­dient. Warum soll­te aus­ge­rech­net ich es sein, der von dir kün­det, da ande­re den Lobgesang viel bes­ser beherr­schen? Warum soll­te ich dir jetzt auf ein­mal die­sen Trumpf gön­nen, da wir doch sonst stets gespielt haben bis einer heult? Meine Schritte muss ich nun pla­nen, tar­nen, ver­schlei­ern, stets schau­en, ob dort jemand ist.
Ist es nicht absurd? Kaum habe ich mei­nen Freund ver­lo­ren und alles, was ich liebt’, bin ich schon in ande­rer guter Begleitung; Paranoia ist mein neu­er bes­ter Freund. Kannst du es glau­ben, dass aus­ge­rech­net ich, Mister „So schnell las­se ich kei­nen an mich ran“, so schnell wie­der fest ver­ban­delt bin? Ich kann es selbst nicht fas­sen, suche noch den Haken.

Damals, der­einst, wie könn­test du es ver­ges­sen, war alles anders. Wir waren in die Oberstufe gekom­men und du warst neu; neu in der Stufe, neu auf der Schule, neu in der Stadt, neu in dem Land, wenn auch nur ein biss­chen. Wäre unse­re Geschichte ein schlech­ter Roman, hät­te es dich zu uns ver­schla­gen, weil dein Vater aus dra­ma­tur­gi­schen Gründen kurz zuvor gestor­ben wäre, aber fak­tisch hat­ten er und dei­ne Mutter sich nur aus­ein­an­der­ge­lebt, dort neben­an, in den Niederlanden, und aus Sehnsucht nach ihrer Heimat war dei­ne Mutter nach Wuppertal zurück­ge­kehrt, wo alles auf den ers­ten Blick unver­än­dert sie emp­fan­gen hat­te, wäh­rend du in die­sem trotz eini­ger Besuche bei den Eltern dei­ner Mutter für dich so frem­den Land an einer frem­den Schule auf einem frem­den Schulhof nur kurz vor acht stan­dest, als ich dich ziem­lich unsanft anrem­pel­te.
Du sag­test nichts, ich hät­te dich fast nicht ein­mal bemerkt, wenn nicht Maike dich ange­spro­chen und dadurch inof­fi­zi­ell zu einem Mitglied unse­rer Clique gemacht hät­te.
„Lässt du dich immer kom­men­tar­los über den Haufen ren­nen?“ –
„Nein, nur wenn ich neue Freunde suche.“

Mit nur einem Satz hat­test du das Eis gebro­chen und uns alle um dei­nen klei­nen Finger gewi­ckelt, und wer dich nicht hören konn­te, der geriet schon aus der Ferne dei­ner Ausstrahlung in die Klauen. Du warst attrak­tiv, ver­dammt attrak­tiv. Ich war mit dei­ner Musterung noch nicht fer­tig, da war mir schon klar, dass ich mei­nen Platz als Mädchenschwarm der Schule räu­men muss­te. Und dei­ne Stimme erst … es lief mir den Rücken hin­un­ter. Ich hass­te dich von dem Moment an, da ich dei­ner gewahr wur­de, und ich hass­te dich mehr mit jeder Minute, da dei­ne Aura mich in der Gunst der Masse erhob.

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