Neulichnoch war die Empörung groß, dass für Lars Klingbeil die ärmeren 40 Prozent der Bevölkerung nicht mehr Zielgruppe sozialdemokratischer Politik sind. … Ja, so viele sind das nämlich ungefähr, die weniger als 3.000 Euro verdienen, und das auch nur, wenn man Klingbeil zugute hält, dass er 3.000 Euro brutto in Steuerklasse 1 meinte. So leichtfertig kann man natürlich auch den Anspruch aufgeben, Volkspartei sein zu wollen. Wer, meint er denn, wird wohl diese Lücke füllen? Die selbsternannte Partei derer, die sich abgehängt fühlen, für die Lügen, Angst und Hass die Antwort auf alles ist, freut sich doch nur über solche Angebote, wenn selbst die SPD an den olympischen Spielen der Ausgrenzung teilnimmt und so zu einem Klima beiträgt, das Solidarität nur dann als wünschenswert betrachtet, wenn sie vermeintlich den eigenen Interessen dient, und niemals auch für Schwächere gilt.
Meine lieben Grünen, das wäre eine Lücke für uns, aber wir spielen ja selber mit, solange wir an der Regierung seid, „nur mit Bauchschmerzen“, aber wir spielen mit. Und ja, ich will nicht an den Stellen sein müssen, die entscheiden müssen zwischen Gestaltungsmacht und Opposition, aber so langsam werden die Phrasen hohl, wenn tatsächliche Verbesserungen kaum stattfinden. Ich weiß, das ist bequem und inkonsequent, aber ich kümmere mich gerade um one problem at a time. Ich bin nur eine Person und nicht eine Partei mit mehreren Gremien, die an mehreren Problemen gleichzeitig arbeiten kann.
Was hab ich nicht schon alles über mich gedacht! Das ging sogar schon mal zu weit zu behaupten, ich wäre eine Rampensau, die das noch nicht weiß. Mittlerweile weiß ich, dass ich das weiß. Ich muss nicht auf der Bühne stehen, und schon gar nicht mit einem Solo, aber ich habe kein Problem damit, wenn ich mich darauf vorbereiten kann. Das Lampenfieber nimmt mir dieses Wissen zwar nicht, but I’ll manage. To be fair: diese Aussage fiel im Arbeitskontext, aber das macht sie nicht falsch. Will sagen: Ich glaube, meine Rolle verändert sich gerade, weil ich „Hier!“ geschrien habe, als jemand gesucht wurde, ohne dass Suchende und Findende wussten, was das am Ende bedeuten würde. Nun … wir finden es gerade heraus, und ich freue mich über die Chance, etwas Neues zu lernen.
PS: Zwei Tage später als geplant (dieser Text sollte eigentlich schon am Donnerstag erscheinen), sieht die Welt schon wieder anders aus. Aus „Wir machen einen Workshop, damit ihr eure Rolle finden könnt.“ wird ein „Nee, nen Workshop brauchen wir grad nicht, macht einfach weiter so.“ Ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll.