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Montag, 23. Februar 2026: Ich steh hier nicht, um Flamenco zu tanzen

Scratch-Wochenenden sind inten­si­ve Wochenenden. Sie begin­nen am Donnerstagmittag und enden in der Regel erst am Montagmorgen. Das liegt aber aus­schließ­lich dar­an, dass Kaiserslautern nicht in den Niederlanden liegt. Läge Kaiserslautern näm­lich näher an der Küste und womög­lich sogar unter dem Meeresspiegel, wäre es völ­lig aus­rei­chend, für das Scratch-Event des Festivals Oude Muziek mal etwas eher auf­zu­ste­hen. Allerdings liegt Kaiserslautern nun ein­mal nicht in den Niederlanden, son­dern in der Westpfalz, wes­halb sich die Anreise etwas lang­wie­ri­ger gestaltet.

Dabei wäre es im Prinzip ganz ein­fach: ent­we­der mit dem TGV nach Paris und von dort mit dem Thalys Eurostar nach Amsterdam oder Utrecht – oder irgend­wie Richtung Frankfurt und von dort durch Hessen und NRW nach Utrecht oder Amsterdam. Das dau­ert im Idealfall auch nur 6 Stunden, aber mir ist das für einen Freitag zu stres­sig. Deshalb rei­se ich mit dem Nachtzug an. Ausschließlich des­halb. (Als ob.) Ausschließlich des­halb fah­re ich erst von Kaiserslautern über Neustadt an der Weinstraße und Karlsruhe nach Basel, um dort einen Nachtzug zu entern, damit der mich am Freitagmorgen an mei­nem Ziel aus­spu­cken kann.

Wenn es wenigs­tens nur Basel in die­sem Jahr gewe­sen wäre! War es aber nicht.

Kurzer Einschub: Kaiserslautern liegt nacht­zug­tech­nisch sehr ungüns­tig. Der nächs­te sinn­vol­le Zustieg auf den gän­gi­gen Routen wäre Mannheim, aber dort hält der Nachtzug nicht. Also: er hält schon, doch öff­net er nur die Türen der Sitzwagen. Warum auch nicht? Der nächs­te Ort, an dem man in den Nachtzug ein­stei­gen kann, ist Offenbach, und das um kurz vor ein Uhr nachts. Da wür­de man am liebs­ten schon schla­fen. Insofern ist das kei­ne Option für mich, denn Nachtzüge und Schlafen … das ist so eine Sache. Doch dazu spä­ter mehr.

Die Nachtzugwagen, die die ÖBB auf der Strecke von Zürich über Basel nach Amsterdam ein­setzt, sind nicht die jüngs­ten. In den Liegewagen sta­peln sich sechs Personen pro Abteil, die Federung hat bes­se­re Tage (oder spricht man in die­sem Kontext von Nächten?) gese­hen und die Geräuschdämmung kann mit dem zuneh­men­den Geschrei der Welt kaum mit­hal­ten. In ande­ren Worten: Wer Amsterdam-Hostel-Feeling schon auf der Anreise für Amsterdam-Hotel-Preise erle­ben will (aber immer­hin mit Frühstück!), der kommt mit dem Nightjet auf die­ser Route auf sei­ne Kosten.

Anders sieht es aktu­ell aller­dings auf der Route von Wien nach Amsterdam aus. Dort hat die ÖBB näm­lich ein Kapselhotel auf die Schiene gesetzt. Klar gibt es dort auch die übli­chen Mehr-Personen-Abteile (aller­dings nur noch für maxi­mal vier Personen), aber alter­na­tiv kann man dort auch in den soge­nann­ten Mini-Cabins über­nach­ten: Einzelzellen mit Rolltor als Eingang und abschließ­ba­rer Durchreiche zur Nachbarkabine – für Pärchen, die Geld spa­ren, aber den­noch zumin­dest ein biss­chen Zweisamkeit haben möch­ten, fast wie Pyramus und Thisbe.

Es sprach also vie­les dafür, in die­sem Jahr nicht von Basel, son­dern von Passau anzu­rei­sen. (Die Anfahrt nach Passau war es aber nicht, denn auf der hat­te die Bahn es bis nach Regensburg span­nend gemacht, ob mein Puffer von fast einer Stunde aus­rei­chen wür­de.) Und was soll ich sagen: die Mini-Cabin bie­tet aus­rei­chend Privatsphäre. Stauraum für Gepäck und Schuhe gibt es in Form von Schließfächern (und theo­re­tisch auch noch einem Fach unter der unte­ren Liege, wenn da das Zugpersonal nicht die Hand- und Badetücher für die Schlafwagenabteile mit Dusche lagern wür­de). Und ruhi­ger sind die neu­en Wagen auch. Da hört man nichts mehr von Weichen und ande­ren außer­halb des Zuges auf­tre­ten­den Geräuschen. Die Beleuchtung der Mini-Cabin hin­ge­gen ist kon­fi­gu­rier­bar, in Helligkeit und Farbe, und jede Veränderung gene­riert ein akus­ti­sches Feedback.

Du machst das Licht an: Piep. Du willst das Licht dim­men? Piep. Du willst es noch zwei Stufen dunk­ler machen, weil es immer noch zu hell ist? Piep. Piep. Du möchs­test mal die rote Porno-Beleuchtung aus­pro­bie­ren? Piep. … Piep. Piep. Piep. (Rot war lei­der nicht die ers­te Farbe im Angebot.) Und weil die Durchreiche lei­der nur durch eine Falttür ver­schlos­sen ist, kannst du auch jeden Piep (und auch ande­re, im Zweifel auch weni­ger jugend­freie Geräusche) aus der Nachbarkabine hören. Wohl denen, die einen tie­fen Schlaf haben.

An sich habe ich den ja, aber offen­bar nicht im Nachtzug. Ich dach­te erst, es läge an die­sen alten, rum­peln­den Wagen, aber auch in der Mini-Cabin konn­te ich nicht durch­schla­fen. Angesichts der Dauer der Fahrt von plan­mä­ßig über elf Stunden war das aller­dings verschmerzbar.


Amsterdam war so char­mant wie es im Februar nur sein kann. Der Regen kam aus allen Richtungen, manch­mal sogar von oben. Unten ver­schwand das Pflaster in Seen grö­ßer als so man­cher Polder, aber wenn es mal nicht reg­ne­te, strahl­te die Stadt mit den Touristen um die Wette. Wer Amsterdam im Februar nicht lie­ben kann, hat es im Juli nicht ver­dient. (Trotzdem schlägt mein Herz höher für Utrecht.)

Das Scratch-Event war eine Erfahrung. Wie jedes Jahr, aber die­ses Jahr noch mehr. Scratch? Das ist, wenn Leute zusam­men­kom­men, um an nur einem Tag ein Stück from the scratch zu pro­ben und im Anschluss direkt auf­zu­füh­ren. In Leiden gibt es das schon län­ger, da machen die das jedes Jahr mit Händels Messias, das Festival Oude Muziek macht das wohl erst seit neu­lich. Aber das FOM ist mir eh eines der liebs­ten, schon allei­ne, weil es wäh­rend des Festivals im Sommer zusätz­lich vie­le Mini-Konzerte anbie­tet, die man ganz spon­tan und ohne Kosten besu­chen kann.

Aber zurück zum Scratch. Das fin­det immer im Februar statt, wenn die Festival-Organisation sich für Amsterdam und Utrecht ein Programm rund um ein Thema oder eine*n Komponist*in strickt, mit meh­re­ren Konzerten und Lesungen und eben die­sem Scratch. 2024 ging es um fran­zö­si­sche Barockmusik, 2025 um eng­li­sche Barockmusik und die­ses Jahr dreht sich alles um Heinrich Ignaz Franz Biber, becau­se why not? Und ich dach­te mir: Ha, Biber! Heimvorteil. Wenn schon die Arbeitssprache die­ses Jahr erst­ma­lig Niederländisch sein wird, dann soll­te ich zumin­dest mit den Stücken kei­ne Probleme haben. Pustekuchen, denn natür­lich haben wir dann eine Messe auf Latein gesun­gen. Das kön­nen die Niederländer*innen auch.

Aber gut, ich habe das Scratch über­lebt, auch wenn ich den gan­zen Tag auf Niederländisch den­ken muss­te, was dann irgend­wie doch gut genug war, um am Ende mit rund fünf­zig ande­ren Sänger*innen (alle älter als ich) die Missa in Contrapuncto aufzuführen.

Auch schön: Wenn ich dann ein­mal im Jahr wie­der ver­trau­te Gesichter sehe, ob es nun die zwei bis drei Frauen im Tenor sind, oder der eine Altus, oder Mirjam, die der musi­ka­li­schen Entwicklung des 15. und 16. Jahrhunderts mit Machine Learning auf die Spuren kom­men will. Ich möch­te sie nicht mis­sen, auch wenn ich mir ein paar jün­ge­re Sänger*innen wün­schen würde.


Die Rückfahrt mache ich kurz, denn sie war es im Vergleich zur Hinfahrt auch: Erst ging es im plü­schi­gen TEFKAT (The Eurostar Formerly Known As Thalys) nach Paris und von dort nach einem kur­zen Abstecher zur Macaronnerie des Vertrauens (nicht dass ich eine hät­te) zurück nach Kaiserslautern. Easy peasy. Ziemlich lang­wei­lig, wenn auf der Schiene alles funktioniert.

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