Scratch-Wochenenden sind intensive Wochenenden. Sie beginnen am Donnerstagmittag und enden in der Regel erst am Montagmorgen. Das liegt aber ausschließlich daran, dass Kaiserslautern nicht in den Niederlanden liegt. Läge Kaiserslautern nämlich näher an der Küste und womöglich sogar unter dem Meeresspiegel, wäre es völlig ausreichend, für das Scratch-Event des Festivals Oude Muziek mal etwas eher aufzustehen. Allerdings liegt Kaiserslautern nun einmal nicht in den Niederlanden, sondern in der Westpfalz, weshalb sich die Anreise etwas langwieriger gestaltet.
Dabei wäre es im Prinzip ganz einfach: entweder mit dem TGV nach Paris und von dort mit dem Thalys Eurostar nach Amsterdam oder Utrecht – oder irgendwie Richtung Frankfurt und von dort durch Hessen und NRW nach Utrecht oder Amsterdam. Das dauert im Idealfall auch nur 6 Stunden, aber mir ist das für einen Freitag zu stressig. Deshalb reise ich mit dem Nachtzug an. Ausschließlich deshalb. (Als ob.) Ausschließlich deshalb fahre ich erst von Kaiserslautern über Neustadt an der Weinstraße und Karlsruhe nach Basel, um dort einen Nachtzug zu entern, damit der mich am Freitagmorgen an meinem Ziel ausspucken kann.
Wenn es wenigstens nur Basel in diesem Jahr gewesen wäre! War es aber nicht.
Kurzer Einschub: Kaiserslautern liegt nachtzugtechnisch sehr ungünstig. Der nächste sinnvolle Zustieg auf den gängigen Routen wäre Mannheim, aber dort hält der Nachtzug nicht. Also: er hält schon, doch öffnet er nur die Türen der Sitzwagen. Warum auch nicht? Der nächste Ort, an dem man in den Nachtzug einsteigen kann, ist Offenbach, und das um kurz vor ein Uhr nachts. Da würde man am liebsten schon schlafen. Insofern ist das keine Option für mich, denn Nachtzüge und Schlafen … das ist so eine Sache. Doch dazu später mehr.
Die Nachtzugwagen, die die ÖBB auf der Strecke von Zürich über Basel nach Amsterdam einsetzt, sind nicht die jüngsten. In den Liegewagen stapeln sich sechs Personen pro Abteil, die Federung hat bessere Tage (oder spricht man in diesem Kontext von Nächten?) gesehen und die Geräuschdämmung kann mit dem zunehmenden Geschrei der Welt kaum mithalten. In anderen Worten: Wer Amsterdam-Hostel-Feeling schon auf der Anreise für Amsterdam-Hotel-Preise erleben will (aber immerhin mit Frühstück!), der kommt mit dem Nightjet auf dieser Route auf seine Kosten.
Anders sieht es aktuell allerdings auf der Route von Wien nach Amsterdam aus. Dort hat die ÖBB nämlich ein Kapselhotel auf die Schiene gesetzt. Klar gibt es dort auch die üblichen Mehr-Personen-Abteile (allerdings nur noch für maximal vier Personen), aber alternativ kann man dort auch in den sogenannten Mini-Cabins übernachten: Einzelzellen mit Rolltor als Eingang und abschließbarer Durchreiche zur Nachbarkabine – für Pärchen, die Geld sparen, aber dennoch zumindest ein bisschen Zweisamkeit haben möchten, fast wie Pyramus und Thisbe.
Es sprach also vieles dafür, in diesem Jahr nicht von Basel, sondern von Passau anzureisen. (Die Anfahrt nach Passau war es aber nicht, denn auf der hatte die Bahn es bis nach Regensburg spannend gemacht, ob mein Puffer von fast einer Stunde ausreichen würde.) Und was soll ich sagen: die Mini-Cabin bietet ausreichend Privatsphäre. Stauraum für Gepäck und Schuhe gibt es in Form von Schließfächern (und theoretisch auch noch einem Fach unter der unteren Liege, wenn da das Zugpersonal nicht die Hand- und Badetücher für die Schlafwagenabteile mit Dusche lagern würde). Und ruhiger sind die neuen Wagen auch. Da hört man nichts mehr von Weichen und anderen außerhalb des Zuges auftretenden Geräuschen. Die Beleuchtung der Mini-Cabin hingegen ist konfigurierbar, in Helligkeit und Farbe, und jede Veränderung generiert ein akustisches Feedback.
Du machst das Licht an: Piep. Du willst das Licht dimmen? Piep. Du willst es noch zwei Stufen dunkler machen, weil es immer noch zu hell ist? Piep. Piep. Du möchstest mal die rote Porno-Beleuchtung ausprobieren? Piep. … Piep. Piep. Piep. (Rot war leider nicht die erste Farbe im Angebot.) Und weil die Durchreiche leider nur durch eine Falttür verschlossen ist, kannst du auch jeden Piep (und auch andere, im Zweifel auch weniger jugendfreie Geräusche) aus der Nachbarkabine hören. Wohl denen, die einen tiefen Schlaf haben.
An sich habe ich den ja, aber offenbar nicht im Nachtzug. Ich dachte erst, es läge an diesen alten, rumpelnden Wagen, aber auch in der Mini-Cabin konnte ich nicht durchschlafen. Angesichts der Dauer der Fahrt von planmäßig über elf Stunden war das allerdings verschmerzbar.
Amsterdam war so charmant wie es im Februar nur sein kann. Der Regen kam aus allen Richtungen, manchmal sogar von oben. Unten verschwand das Pflaster in Seen größer als so mancher Polder, aber wenn es mal nicht regnete, strahlte die Stadt mit den Touristen um die Wette. Wer Amsterdam im Februar nicht lieben kann, hat es im Juli nicht verdient. (Trotzdem schlägt mein Herz höher für Utrecht.)
Das Scratch-Event war eine Erfahrung. Wie jedes Jahr, aber dieses Jahr noch mehr. Scratch? Das ist, wenn Leute zusammenkommen, um an nur einem Tag ein Stück from the scratch zu proben und im Anschluss direkt aufzuführen. In Leiden gibt es das schon länger, da machen die das jedes Jahr mit Händels Messias, das Festival Oude Muziek macht das wohl erst seit neulich. Aber das FOM ist mir eh eines der liebsten, schon alleine, weil es während des Festivals im Sommer zusätzlich viele Mini-Konzerte anbietet, die man ganz spontan und ohne Kosten besuchen kann.
Aber zurück zum Scratch. Das findet immer im Februar statt, wenn die Festival-Organisation sich für Amsterdam und Utrecht ein Programm rund um ein Thema oder eine*n Komponist*in strickt, mit mehreren Konzerten und Lesungen und eben diesem Scratch. 2024 ging es um französische Barockmusik, 2025 um englische Barockmusik und dieses Jahr dreht sich alles um Heinrich Ignaz Franz Biber, because why not? Und ich dachte mir: Ha, Biber! Heimvorteil. Wenn schon die Arbeitssprache dieses Jahr erstmalig Niederländisch sein wird, dann sollte ich zumindest mit den Stücken keine Probleme haben. Pustekuchen, denn natürlich haben wir dann eine Messe auf Latein gesungen. Das können die Niederländer*innen auch.
Aber gut, ich habe das Scratch überlebt, auch wenn ich den ganzen Tag auf Niederländisch denken musste, was dann irgendwie doch gut genug war, um am Ende mit rund fünfzig anderen Sänger*innen (alle älter als ich) die Missa in Contrapuncto aufzuführen.
Auch schön: Wenn ich dann einmal im Jahr wieder vertraute Gesichter sehe, ob es nun die zwei bis drei Frauen im Tenor sind, oder der eine Altus, oder Mirjam, die der musikalischen Entwicklung des 15. und 16. Jahrhunderts mit Machine Learning auf die Spuren kommen will. Ich möchte sie nicht missen, auch wenn ich mir ein paar jüngere Sänger*innen wünschen würde.
Die Rückfahrt mache ich kurz, denn sie war es im Vergleich zur Hinfahrt auch: Erst ging es im plüschigen TEFKAT (The Eurostar Formerly Known As Thalys) nach Paris und von dort nach einem kurzen Abstecher zur Macaronnerie des Vertrauens (nicht dass ich eine hätte) zurück nach Kaiserslautern. Easy peasy. Ziemlich langweilig, wenn auf der Schiene alles funktioniert.