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13.txt | verstehen

Vorwort: Dies ist der drei­zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

In mei­nem Leben vor dir war alles anders, alles ein­fach. Ich wuss­te, wer die Guten sind und wer die Böse, auf wel­cher Seite ich zu ste­hen hat­te und auf wel­cher Seite ich stand. Ich hat­te einen Standpunkt und einen Horizont, eine Haltung und eine Meinung. Ich war mir ihr gewiss und sie mir sicher. Ich wuss­te, wer ich war.
Doch all das ließ ich mit mei­nem Leben vor dir, mei­nem fünf­ten, zurück. Ich war ein Schwerenöter gewe­sen, ich spiel­te ihn nicht nur, wie ich es seit­her tat. Sex oder Liebe, ich konn­te einen kla­ren Cut machen und so man­ches jun­ge Dinge ließ ich über die­se Klinge sprin­gen. Nur weni­ge schlitz­ten mir damit die Kehle auf, aber kei­ne von ihnen soll­te ich über­le­ben – und kei­ne mich.
Auf die Idee, mei­ne Seelenmauer mit einem Rasiermesser zu atta­ckie­ren, kamen nur die wenigs­ten, aber sie alle waren fast erfolg­reich. Risse füg­ten sie ihr zu, eine tie­fer als die ande­re und nach jeder die­ser Vorgängerinnen ver­narb­te ich mei­ne Mauer noch fes­ter, aber kaum da ich dei­ne Klinge blit­zen sah, wur­de sie mir unwi­der­steh­li­cher Magnet und ich stürm­te auf dich zu.
Noch ehe mein Kopf wuss­te wie ihm geschah, hat­te mein Körper sei­nen Nordpol gefun­den und ich hass­te dich für die­se Kursänderung zum ande­ren Ufer.

Ich fand es geil nach dem Sport mit dir zu duschen und schäm­te mich für mei­nes Körpers Reaktion. Warum du? Die ande­ren Jungs waren mir doch auch egal, und wenn es einer neben mir zum Model geschafft hät­te, dann einer von ihnen, aber doch nicht du! Mit nicht ein­mal 24 hat­test du fast schon kei­ne Haare mehr auf dem Kopf – ein Schicksal, das sich schon in der Oberstufe nur all­zu deut­lich ange­deu­tet hat­te –, was dein Körper aber an fast allen ande­ren Stelen zu kom­pen­sie­ren ver­stand. Für einen Dreitagebart brauch­test du kei­ne vier­und­zwan­zig Stunden. Deine Arme schim­mer­ten rost­rot bis auf den Handrücken, und wo dein Bart im v‑förmigen Ausschnitt dei­ner T‑Shirts – immer trugst du T‑Shirts – ver­schwand, begann die schöns­te aus Haaren ent­stan­de­ne Haarspur, der ich je zu ihrem Ende gefolgt bin. Ja, du warst schlank, aber sport­lich oder mus­ku­lös hät­te dich nie­mand mehr genannt, wenn er dich ein­mal auch nur oben ohne gese­hen hät­te. Ja, du hat­test Ausdauer, nicht zu knapp (o, wie mein Körper noch jetzt auf die­sen Gedanken reagiert), und eine gehö­ri­ge Kraft war dir auch nicht fremd, aber man sah es dir nicht an. Ein Otter im Fuchspelz warst du, mein Otter mit den hasel­nuss­brau­nen Augen, und ich habe dich gehasst für dei­ne Wirkung auf mich, mein gan­zes sechs­tes Leben lang.
Erst jetzt begrei­fe ich mein Vermissen, mei­nen fast schon kör­per­li­chen Schmerz ob des Verlustes dei­ner Person. Noch nie habe ich es gedacht oder gesagt, aber ich glau­be, ich bin schwul, zumin­dest in die­sem Leben. Vielleicht ist es nur eine Phase.
Mein ange­le­se­nes Schulwissen sagt, es ist okay, es ist nicht schlimm, aber den­noch habe ich Angst. Ja, du hät­test mich ver­stan­den, du schon, doch wer noch? Ich kapier’ es nicht. Wie konn­te ich mich so sehr ändern? Was ist der Grund? Gibt es für mich noch einen Weg zurück? Ich den­ke nicht.

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12.txt | Rausch

Vorwort: Dies ist der zwölf­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ich füh­le mich wie ein kal­ter Truthahn. Gerupft bin ich, gestopft mit feins­ten Gewürzen und dem Apfel vom Baum der Erkenntnis. Ich brau­che kei­nen Spiegel, um mich selbst zu sehen wie ich bin: nackt.
Nichts ist mehr übrig von dem, für den ich mich hielt, als ich noch alles unter Kontrolle hat­te, als ich dir noch aus der Hand fraß. Nein, falsch. Als du mir aus der Hand … fuck. Schon da hat­te ich nichts mehr im Griff. Offenbar. Weißt du noch, wie wir … wie du … wie ich …? Weißt du noch? Gestern erst … ich habe mich echt gefreut dich wie­der­zu­se­hen, wirk­lich. Es war nicht so sehr gespielt wie ich es geplant hat­te, not at all. Und jetzt?
Von einem Moment auf den ande­ren springt mei­ne bon­bon­far­be­ne Wahrnehmung um auf mono­chrom, läuft der Film von vor­ne ab, springt vor und zurück, sucht hek­tisch die Momente, da mei­ne dir gezeig­te Zuneigung nur Show war und fin­det sie nicht. Und fin­det sie nicht. Nur ech­te, wah­re Verfallenheit ist da, wo ich Illusion gese­hen haben woll­te, und jetzt ste­he ich da in mei­nem, ach, so kur­zen Hemd und nichts ist mehr da von dir, nur die Erinnerung an bes­se­re Zeiten. Ich zit­te­re, mir ist nicht kalt; es schneit und ich sit­ze hier im T‑Shirt. Warum?
Ich ver­ste­he nichts, auch das nicht. Gerade erst war Sommer, mein Eis hal­te ich noch in der Hand und noch immer schme­cke ich den Pfirsich. Ich füh­le mich wie ein kal­ter Truthahn. Ich weiß genau: Kommt erst die Wärme zurück, ist es um mich gesche­hen – und so lau­fe ich, nur fort aus Teufels Küche.
Das geht gut, so ohne Gepäck.

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11.txt | Schwermut

Vorwort: Dies ist der elf­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Ja, da war ich wirk­lich, da war ich ich. … Aber … wenn ich damals ich war, wer bin ich jetzt? Sollte ich nicht wie­der ich sein zu Beginn die­ses neu­en Kapitels mei­nes Lebens? Warum bin ich es nicht?
Mein Neuanfang ist gar kei­ner, son­dern nur ein bis auf wei­te­res auf­ge­scho­be­nes Ende mit Schrecken im Anschluss an Schrecken ohne Ende, denn hin­ter allem stehst du, über allem liegt dein Schatten, in des­sen Erinnerungen ich mich suh­le. Kaum zu glau­ben, zumin­dest nicht für mich, aber du fehlst mir. Dein Lachen fehlt mir, dei­ne Kitzeligkeit, dei­ne Gabe, mich mit schlech­ten Wortspielen zu erhei­tern, dein Blick, ja, dein Blick … o, schau mich nicht so an wie ein waid­wund geschos­se­nes Bambi, du weißt doch, dass ich dir doch nichts aus­schla­gen kann. Sag noch ein­mal „Bück dich.“ mit die­ser so ver­rauch­ten Stimmen, so wird mei­ne Seele gesund, fick mich noch ein­mal tief und ich wer­de alles beich­ten, alles, wirk­lich alles, jedes ein­zel­ne Wort, mit dem ich den Pflock in dein unschul­di­ges Herz ramm­te. Gib mir nur noch ein­mal, wonach ich mich so sehr ver­zehr­te, wonach ich mich so lan­ge sehn­te. Mach mich frei! …
Sei mein Heiland und steh wie­der auf, schlag die Bettdecke zurück, unter der du gera­de aus­kühlst, und erlö­se mich aus die­sem Idyll, das ich nicht aus­hal­te, aus die­sem Kartenhauslabyrinth, das nicht ein­stür­zen will wie ich es geplan­te habe, son­dern Fundamente schlägt in soli­dem Grund.

Es ist ein Zug, der dich ver­treibt, ein brem­sen­der Güterzug, der jeden kla­ren Gedanke über­schrillt. Nun bist du fort, erneut, viel­leicht für immer … doch eigent­lich bin es doch ich. Ich habe dich ver­lo­ren, ich fin­de mich nicht mehr. Hilf mir! Hilf!

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10.txt | Glück

Vorwort: Dies ist der zehn­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Limettengrün matscht es vor mir, wäh­rend grün­blau­grau glit­zernd der Rhein dazu sein wuch­ti­ges Fundament spen­det. Den Zug habe ich ver­las­sen, mei­nen Rucksack auch. Ein Eishörnchen in der rech­ten Hand hal­tend sit­ze ich im Schneidersitz auf einer Bank, wo mein ver­irr­tes Haupt mei­nen Schoß beschat­tet. Eigentlich ist doch alles gar nicht so schlecht. Oder?

Wenn mich einer frag­te, wonach der Sommer schmeckt, ich wür­de ihm „Nach Pfirsicheis.“ erwi­dern, aber mich fragt ja nie­mand. Jetzt wür­de ich ihm ohne­hin etwas ande­res ent­geg­nen, denn mei­ne ein­zi­ge Antwort bist der­zeit du. Woher ich kom­me? Von dir. Wer ich bin? Der Deine. Was ich hier mache? Dich statt der limet­ten­grü­nen Matsche sehen und debil grin­sen. Weißt du noch, wie du mir ins Pfirsicheis gestol­pert bist und ich dich des­we­gen küs­sen muss­te? Wir hat­ten bei­de gedacht, es hät­te nie­mand gese­hen, und waren in schal­len­des Gelächter aus­ge­bro­chen. Völlig albern, völ­lig los­ge­löst aus einer Welt, in der alles mög­lich war, wenn wir nur woll­ten, und wir woll­ten es. Dass ich dich mit schnö­dem Klappensex ent­jung­fern wür­de … tja. Es pass­te mir sehr. Dass du in den nächs­ten Tage Mühe beim Sitzen haben wür­dest. auch; gleich­wohl ich es dir gegen­über natür­lich bedau­er­te, aber da warst du auch der ein­zi­ge für. Wie du dich danach ver­such­test schmerz­frei auf dem Sattel nie­der­zu­las­sen, weil wir ja noch zurück­fah­ren muss­ten … in mir lächelt es noch jetzt. Da war ich wirk­lich …

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9.txt | nackt

Vorwort: Dies ist der neun­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Die grü­nen Hänge und wild blü­hen­den auf­ge­ge­be­nen Weinberge sind mir gera­de welt­kul­tur­scheiß­egal. So sehr ich sonst die­ses Burgenblickparadies lie­be, so plötz­lich schlägt es mir jetzt aufs Gemüt.
Was habe ich denn jetzt noch? Was bleibt mir im Exil außer einem ver­gan­ge­nen Leben, aus dem ich nicht erzäh­len kann? Wer bin ich denn noch, wenn ich alles abstrei­fe, was ich nicht mit­neh­men kann in das Jetzt und Bald? Ich bin ein unbe­schrie­be­nes Blatt, fan­ge neu von vor­ne an, wie schon beim letz­ten Mal.
Ich bin nackt für alles, was da kommt. Meine Haut ist mei­ne Rüstung, mein Sixpack mein Schild, mein Lächeln mei­ne Eintrittskarte in alle geschlos­se­nen Gesellschaften. Warum soll­te es die­ses Mal nicht funk­tio­nie­ren, bis ich mich in ein neu­es Leben klei­den kann?

Kommentarlos setzt sich jemand auf den Platz neben mir; ich kann gera­de noch mei­nen Rucksack in Sicherheit brin­gen. „’s is hier kein Gepäckwagen.“, raunzt er mich an. So viel zu mei­nem Plan. Ich brau­che einen neu­en. Bis ich den gefun­den habe, wer­de ich ein­fach hier sit­zen blei­ben und aus dem Fenster star­ren.

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8.txt | Acht

Vorwort: Dies ist der ach­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Es gibt nur noch eine Richtung, in die ich mich wen­den kann; plötz­lich, urplötz­lich wird es mir klar. Ich kann nicht mehr zurück, nie mehr. Selbst wenn ich es woll­te: Lautlos wur­de die­ser Bann aus­ge­spro­chen, der mich unver­mit­telt zum Exilanten macht, denn das, was mei­ne Heimat war, ist nun nicht mehr. Bald schon wird man eins und eins zusam­men­zäh­len und die ver­brann­te Erde sehen, die ich hin­ter­ließ, und so bleibt nur die Flucht nach vorn, ins Mittelrheintal und viel­leicht noch wei­ter, wo kei­ne Burg dar­auf war­tet mich zum Junker Jörg zu machen, der doch nichts zu ver­kün­den hät­te. Wer will schon mei­ne Geschichte hören, da jeder poli­zei­li­che Bericht mehr von Würde ver­stän­de als ich?
Fortan bin ich ein Nicht, auf ewig ver­dammt zur Verborgen- und Verschwiegenheit.

Du hast es nicht bes­ser ver­dient. Warum soll­te aus­ge­rech­net ich es sein, der von dir kün­det, da ande­re den Lobgesang viel bes­ser beherr­schen? Warum soll­te ich dir jetzt auf ein­mal die­sen Trumpf gön­nen, da wir doch sonst stets gespielt haben bis einer heult? Meine Schritte muss ich nun pla­nen, tar­nen, ver­schlei­ern, stets schau­en, ob dort jemand ist.
Ist es nicht absurd? Kaum habe ich mei­nen Freund ver­lo­ren und alles, was ich liebt’, bin ich schon in ande­rer guter Begleitung; Paranoia ist mein neu­er bes­ter Freund. Kannst du es glau­ben, dass aus­ge­rech­net ich, Mister „So schnell las­se ich kei­nen an mich ran“, so schnell wie­der fest ver­ban­delt bin? Ich kann es selbst nicht fas­sen, suche noch den Haken.

Damals, der­einst, wie könn­test du es ver­ges­sen, war alles anders. Wir waren in die Oberstufe gekom­men und du warst neu; neu in der Stufe, neu auf der Schule, neu in der Stadt, neu in dem Land, wenn auch nur ein biss­chen. Wäre unse­re Geschichte ein schlech­ter Roman, hät­te es dich zu uns ver­schla­gen, weil dein Vater aus dra­ma­tur­gi­schen Gründen kurz zuvor gestor­ben wäre, aber fak­tisch hat­ten er und dei­ne Mutter sich nur aus­ein­an­der­ge­lebt, dort neben­an, in den Niederlanden, und aus Sehnsucht nach ihrer Heimat war dei­ne Mutter nach Wuppertal zurück­ge­kehrt, wo alles auf den ers­ten Blick unver­än­dert sie emp­fan­gen hat­te, wäh­rend du in die­sem trotz eini­ger Besuche bei den Eltern dei­ner Mutter für dich so frem­den Land an einer frem­den Schule auf einem frem­den Schulhof nur kurz vor acht stan­dest, als ich dich ziem­lich unsanft anrem­pel­te.
Du sag­test nichts, ich hät­te dich fast nicht ein­mal bemerkt, wenn nicht Maike dich ange­spro­chen und dadurch inof­fi­zi­ell zu einem Mitglied unse­rer Clique gemacht hät­te.
„Lässt du dich immer kom­men­tar­los über den Haufen ren­nen?“ –
„Nein, nur wenn ich neue Freunde suche.“

Mit nur einem Satz hat­test du das Eis gebro­chen und uns alle um dei­nen klei­nen Finger gewi­ckelt, und wer dich nicht hören konn­te, der geriet schon aus der Ferne dei­ner Ausstrahlung in die Klauen. Du warst attrak­tiv, ver­dammt attrak­tiv. Ich war mit dei­ner Musterung noch nicht fer­tig, da war mir schon klar, dass ich mei­nen Platz als Mädchenschwarm der Schule räu­men muss­te. Und dei­ne Stimme erst … es lief mir den Rücken hin­un­ter. Ich hass­te dich von dem Moment an, da ich dei­ner gewahr wur­de, und ich hass­te dich mehr mit jeder Minute, da dei­ne Aura mich in der Gunst der Masse erhob.

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5.txt | gleich

Vorwort: Dies ist der fünf­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Nur ein paar Minütchen noch, dann ist es soweit: Deutschlands schöns­te Bahnstrecken, live, und ich bin vor Ort, mit­ten­drin statt nur dabei.
Ja, du wärst auch jetzt ger­ne hier, und wenn du wüss­test, dass ich hier bin, ohne dich, und dass ich die­se Fahrt geplant habe ohne dich, wäh­rend du neben mir auf dem Sofa schliefst, dann wür­dest du mich aus dei­nen hasel­nus­si­gen Augen anschau­en mit die­sem so sprich­wört­li­chen Hundeblick, dass ich dir spon­tan doch eine Fahrtkarte gekauft hät­te, egal zu wel­chem Kurs. Du hät­test mich rui­niert. Du hast mich rui­niert.
Da – der Drachenfels. Was konn­test du mir alles von ihm erzäh­len, obgleich du nie dort gewe­sen bist.

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4.txt | Bild

Vorwort: Dies ist der vier­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Weißt du eigent­lich, dass ich dich geliebt habe? Nein, wie soll­test du es auch wis­sen, denn ich habe es dir nie gezeigt, dir und nie­man­dem. Während du dach­test, ich lieb­te dich, wäh­rend dei­ne Mutter dach­te, ich wäre so ein net­ter jun­ger Mann, wäh­rend unser gesam­ter gemein­sa­mer Freundkreis dach­te, wir wären das Traumpaar des Jahrhunderts, weil wir schon seit der Oberstufe zusam­men waren, habe ich dich eigent­lich nur gehasst. Ein ein­zi­ges gro­ßes Schauspiel, und nicht ein­mal jetzt kannst du hin­ter die Bühne tre­ten und das gan­ze Theater ent­tar­nen als das, was es ist.
Obwohl: Wer weiß schon, wo du jetzt bist? Wenn es doch ein Leben nach dem Tod gibt, bist du jetzt dort und kannst dir end­lich alle Akte unse­res Dramas anschau­en? Oder bleibt dir auch die­ses Mal der Zugang durch die Kulisse ver­bor­gen? …

Warum liegt mir eigent­lich so viel dar­an, dich doch nicht so unwis­send zu wis­sen wie du warst, und so über­rascht? Und wo bleibt end­lich die­ser blö­de Zug? … Wie stets in mei­nem Leben kommt er natür­lich erst, wenn ich mich über sei­ne Verspätung auf­re­gen, und wie stets ist es auch nur eine Illusion, der ich mich hin­ge­be, weil sie so schön ist. Schier end­los dau­ern die Sekunden, die der Zug noch braucht, bis er zum Halten kommt und er sich auf den bis dato lee­ren Bahnsteig über­gibt und mich zum Spielball der Gezeiten macht.
Deine brau­nen Augen. Sie star­ren mich an, mein Anker in die­sem Getöse. Ich will zurück­wei­chen und ste­he doch still. Erst als der letz­te Fahrgast aus dem Zug her­aus­tröp­felt, fal­le ich nach vorn, in den Zug hin­ein.
Deine brau­nen Augen. So aus­drucks­los habe ich sie noch nie gese­hen, nicht ein­mal als du da lagst und dar­auf war­te­test, dass ich aus mei­nem Erstaunen wie­der zu mir fand. Es war so ein­fach gewe­sen.
Ich war auf­ge­stan­den und hat­te die Taschentücher acht­los fal­len gelas­sen, hat­te mei­ne Boxershorts über­ge­streift und dann nichts. Schon da hat­test du mich aus die­sen, dei­nen so hasel­nus­si­gen Augen ange­starrt und gefragt: Warum? und auch jetzt blickst du mich an, wort­los, und fragst: Warum?

Statt der son­ni­gen Ausfahrt aus dem Bahnhof sehe ich nur dich, nur dein fra­gen­des Gesicht, als läge ein Farbfilter vor mei­nen Augen. Immer bist du da, jetzt mehr denn je.

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3.txt | abgrundtief

Vorwort: Dies ist der drit­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Köln, Hohenzollernbrücke. Der Nebel, der auf­ge­zo­gen war, wäh­rend wir das erlö­sen­de Signal zur Weiterfahrt erwar­tet hat­ten, liegt so schwer über der Stadt, dass ich weder das lin­ke, noch das rech­te mit Vorhängeschlössern bela­de­ne Absperrgitter zu den Fußwegen sehen kann. Der Zug schleicht gen Hauptbahnhof, dabei wäre es ohne­hin zu spät, wenn der Lokführer erst jeman­den auf den Gleisen erblickt hät­te. Erst, als wir die neo­go­ti­sche Stahlspitzbogenkonstruktion errei­chen, wer­den die Sichtverhältnisse ein wenig bes­ser.
„Meine Damen und Herren, bit­te beach­ten Sie fol­gen­den Hinweis.“ Ich ahne, was kommt, und schaue ver­son­nen zu mei­nen Mitreisenden, wie sie zur Kenntnis neh­men müs­sen, dass der Zugverkehr wit­te­rungs­be­dingt vor­erst ein­ge­stellt wird. Es dau­ert einen Moment, ehe die Erkenntnis ein­setzt, doch die­se kur­ze, über­ra­schen­de Stille ist die Aufregung wert, die ihr nach­folgt. Ich kra­me mei­ne Kopfhörer aus der lin­ken Jackentasche und stop­fe sie mir in die Ohren. Knick, der Klinkenstecker ras­tet in mein Smartphone ein. Was will ich hören? Regina Spektor? Nein. Kraftklub? Nein. Dick Brave And The– Nein. Ich scrol­le durch die gespei­cher­ten Alben, über­flie­ge Titel um Titel, Jean-Philippe Rameau, Dardanus, ein­ge­spielt von den Musiciens du Louvre unter Marc Minkowski, das soll es sein: Feuer und Form, Rhythmus und erha­be­ne Gelassenheit. damit im Ohr kann ich mich den auf­fla­ckern­den Erinnerungen an den gest­ri­gen Abend stel­len.

Dein so erstaun­ter letz­ter Blick brennt wie Saurons Auge in mei­nem Kopf. Du schienst so über­rascht, nach all den Wochen zuvor, und das muss­test du auch sein, denn ein Zeichen, dass es so mit dir enden wür­de, hat­te ich dir nie gege­ben, im Gegenteil: Ich muss­te es für dich urplötz­lich erschei­nen las­sen, gleich­wohl es von Anfang an mein Plan gewe­sen war, denn eigent­lich hät­te ich kei­ne Chance bei dir gehabt.
Wenn ich jetzt nur dar­an den­ke, wird mir schlecht. Mit Entsetzen spü­re ich, wie mei­ne Latte im Hosenbein pocht. Ich bin doch ein kran­kes Stück Scheiße. Mit einem Mann im Bett, was hat­te ich mir dabei nur gedacht? Wahrscheinlich nichts. Nur Gefühl war da, ganz viel gefühl. Ja, ich habe dich erwürgt, getö­tet als du kamst. Im Kommen bist du gegan­gen, du soll­test mir dank­bar sein. Es fiel mir so leicht.

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2.txt | wünschen

Vorwort: Dies ist der zwei­te Teil eines grö­ße­ren Projekts. Ich möch­te im Rah­men von *.txt an die­sem Anfang immer wei­ter schrei­ben. Eine Idee habe ich im Kopf, aber wohin *.txt mich beglei­ten wird, das weiß ich nicht. Ich bin gespannt.

Wenn doch nur alles ein klei­nes biss­chen ein­fa­cher wäre!
Stattdessen star­re ich aus dem Fenster in die nicht umsonst Schäl Sick genann­ten Straßenzüge Kölns, weil der Hauptbahnhof sei­nem Ruf als Nadelöhr mal wie­der alle Ehre erweist. Links Schienen, rechts Schienen, im Zug Galgenhumor, weil man uns dem Anschein nach ver­ges­sen hat. Was sind schon zwan­zig Minuten unfrei­wil­li­ger Pause vor Köln-Mülheim, wenn es kei­ne Durchsagen gibt? Für einen Moment fan­ta­sie­re ich, der Lokführer wis­se bescheid und lau­fe gera­de zum nächs­ten Bäcker, um sich sein zwei­tes Frühstück zu orga­ni­sie­ren, aber das ist natür­lich Blödsinn. Wenn über­haupt, dann macht er gera­de sei­ne recht­lich vor­ge­schrie­be­ne Pause.

Als ich die­se, mei­ne Reise plan­te, war alles so klar. Ich hat­te ein Problem, ich such­te eine Lösung, und der Abstand vom Alltag , die Ungestörtheit soll­te mir den Raum zum Denken geben, von dem ich dach­te, ich wür­de ihn brau­chen, um Antworten auf mei­ne Fragen zu fin­den. Wenn da nur nicht der heu­ti­ge Abschied dazwi­schen gekom­men wäre!

„Entschuldigung, stört es Sie, wenn ich rau­che?“
Bitte, was? Das gan­ze Abteil ist leer und die­ser Typ setz­te sich aus­ge­rech­net neben mich.
„Hier is’ Rauchverbot.“
„Was Sie nicht sagen!“ Ich höre ech­tes Erstaunen. „Wissen Sie, ich fah­re nicht so oft Zug. Das ist mir neu. Wo ist denn der Raucherwagen?“
Ich habe kei­ne Lust, mir die Lebensgeschichte die­ses Herrn älte­ren Semesters anzu­hö­ren, soll­te wohl froh sein, wenn er zu jung für Erinnerungen an den Krieg ist. Obwohl: Brächte es mir irgend­et­was, wenn er statt­des­sen vom Wirtschaftswunder schwärm­te? „Gibt kei­nen.“
„Nicht?“
„Nein, aber Sie kön­nen zum Rauchen auf Klo gehen. Is zwar auch ver­bo­ten, macht aber trotz­dem jeder.“ Und danach gibt es dann eine den Zug erhei­tern­de Durchsage. Warum läuft eigent­lich ein oran­ge geklei­de­ter Mensch am Zug ent­lang?
Der alte Mann schnauft – oder soll­te es ein Seufzer sein?
„Danke, aber so schlimm isset auch nich. Ich muss ja nur bis zum Hauptbahnhof.“
Was gäbe ich nur dafür, dass wir end­lich dort ankom­men. Ich wür­de mei­ne Schwiegermutter ver­kau­fen, wenn ich eine hät­te, zur Not auch ver­schen­ken. Aber ich habe ja nicht ein­mal eine. Wie soll ich sie dann ver­kau­fen?

„Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Zugchef.“ Oha! Gleich geht es rund. „Wie Sie bemerkt haben dürf­ten, hat sich unser Zug seit eini­gen Minuten nicht bewegt. Das klei­ne oran­ge Männchen, das Sie gera­de viel­leicht drau­ßen her­um­hüp­fen gese­hen haben, ist unser Lokführer, der her­aus­zu­fin­den ver­sucht, war­um wir nicht wei­ter­fah­ren kön­nen. Solange er drau­ßen ist, blei­ben wir hier ste­hen und war­ten auf ihn. Sobald ich mehr weiß, wer­de ich es Sie wis­sen las­sen. Vielen Dank.“
Drei … zwei … eins … jetzt müss­te das Chaos begin­nen. Menschen, die ohne­hin nur alle Jubeljahre mit der Bahn fah­ren, wür­den sich in ihrem Hass bestä­tigt füh­len, Pendler wür­den seuf­zen und sich ihrem Schicksal erge­ben, alles wür­de sei­nen gewohn­ten Gang gehen, doch irgend­et­was was anders und das mach­te mir Angst.

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